„Es gibt immer wieder einen Anfang“

Jugendliche in Osnabrück rappen über Fluchterfahrungen und Hoffnung 


Noch mehr als die Corona-Pandemie beschäftigen junge Menschen einer Osnabrücker Schule Themen wie Flucht, Migration und Angst, aber auch Hoffnung und Erfolg – Themen ihrer eigenen Biografie. Im Programm JMD Respekt Coaches rappen sie über persönliche Geschichten. Entstanden ist ein bewegender Song samt professionellem Musikvideo.

Junge Menschen singen, rappen und performen selbst geschriebene Texte über ihre Migrationsgeschichte.

Grundlage für das Rap-Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Berufsschulzentrum am Westerberg (BSZW) und Respekt Coach Thorsten Blender des Jugendmigrationsdienstes (JMD) Osnabrück der Caritas. Seit 2020 führt er Gruppenangebote an der Schule durch, die Jugendlichen der Sprachintegrationsklasse begleitet er seit dem Frühjahr 2021.

Zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres zwang die Corona-Lage wegen steigender Inzidenzwerte die Schulen wieder in das „Szenario C“, das bedeutet Schulschließungen und reiner Distanzunterricht. Da damit auch geplante Präventionsveranstaltungen im Rahmen des JMD-Programms Respekt Coaches ausfallen mussten, überlegten Thorsten Blender und Martin Molan, Schulsozialarbeiter am BSZW, welche Angebote man den Schülerinnen und Schülern trotz oder gerade wegen des Lockdowns machen kann. „Uns war es wichtig, trotz Distanzunterricht möglichst nah an den jungen Menschen dran zu sein. Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, mit ihren Ängsten und Sorgen gehört zu werden“, schildert Martin Molan die Ausgangssituation.

Mit Projekten zu warten, bis in den Schulen wieder normaler Betrieb herrscht, kam für Respekt Coach Thorsten Blender nicht in Frage. Über sein Netzwerk konnte er Kontakt zu Carlos Utermöhlen, einem Rap-Musiker aus Braunschweig, herstellen und sich dem neu entwickelten Konzept für Online-Workshops anschließen: „Lockdown Lyrics“. Das Konzept stammt von Christopher Pfeiffer, Respekt Coach am JMD-Standort Gifhorn, und soll Jugendlichen Raum bieten, ihre Geschichten und Gedanken in Zeiten der Pandemie zu erzählen. Mit Rapper Carlos Utermöhlen wird es an mehreren Respekt-Coaches-Standorten realisiert.
 

Songs verfassen in einer neuen Sprache


In Osnabrück stieß die Idee auch bei der Klassenlehrerin auf Begeisterung. Das Home-Schooling habe viele junge Menschen in ihren Lernfortschritten zurückgeworfen, das Projekt aber habe ihre Klasse neu motiviert. Ein weiterer Pluspunkt: Die Schülerinnen und Schüler konnten auf kreative Weise ihre Deutschkenntnisse erweitern und ihre Fortschritte unmittelbar erleben. Denn die jungen Teilnehmenden aus der Sprachintegrationsklasse sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen und lernen nun zunächst die deutsche Sprache, um dann schulische oder berufliche Abschlüsse erlangen zu können. Neuzugewanderte aus Syrien, dem Sudan und dem Libanon, aus Polen und Kasachstan standen jetzt also vor der Aufgabe, einen Rap-Song zu erarbeiten – in einer Sprache, die sie gerade erst neu lernen.

„In der Arbeit der Respekt Coaches geht es auch um Wissensvermittlung zu den Themen Extremismus und Demokratie – gute Prävention fußt aber immer auch auf der Stärkung der Persönlichkeit und der Selbstwirksamkeit junger Menschen“, erklärt Thorsten Blender diesen Ansatz.


„Meine Seele verloren, aber es gibt immer wieder einen Anfang“


So begannen die Jugendlichen, sich ein- bis zweimal wöchentlich digital zu treffen. Sie schrieben Texte, suchten Reime und übten, das Geschriebene zu singen oder zu rappen. Recht schnell wurde deutlich, dass diese Gruppe junger Menschen noch viel mehr bewegt als die aktuelle Corona-Pandemie: die eigene Biografie, die ganz individuellen Geschichten ihrer Flucht oder Migration und der Neustart in Deutschland. Es sind Geschichten von Krieg und Angst, von Verlust und Trauer, aber auch von Hoffnung und Erfolg. „Meine Seele verloren, aber es gibt immer wieder einen Anfang“, rappt zum Beispiel der 17-jährige Kadour, der vor dem Krieg in Syrien fliehen musste. Und Sergiusz, geboren in Kasachstan und aufgewachsen in Polen, stellt hoffnungsvoll fest: „Wir sind gar nicht so verschieden, weil uns so viel hier verbindet. Wir sind jung und voller Energie und können nur gewinnen!“

Die Klasse habe nicht nur musikalisches Talent, sie trage dazu Geschichten in sich, die gehört werden müssen, sind sich die Projektbeteiligten einig. Vor dem Hintergrund, die Migrationsbiografien in die Texte einzubauen, entschieden sich die Jugendlichen dazu, neben Deutsch auch in ihrer Muttersprache zu singen und rappen.

Von Unsicherheit keine Spur: Selbstbewusst rappen die jungen Menschen in dem professionellen Musikvideo.


Tonstudio und Videodreh 


Im Laufe der Wochen formten sich nicht nur einzelne Sätze und Reime zu einem Song zusammen, sondern die Corona-Zahlen ermöglichten eine Rückkehr in das „Szenario A“: den eingeschränkten Regelbetrieb mit Präsenzunterricht. Damit konnte die Klasse tatsächlich noch gemeinsam die Texte performen und sich auf eine Aufnahme im Tonstudio vorbereiten. Mit dem Filmemacher Max Edel – früher selbst als Respekt Coach im JMD-Programm aktiv – konnte sogar ein passendes Musikvideo mit den Nachwuchs-Musikerinnen und -Musikern gedreht und so eine bleibende Erinnerung geschaffen werden.

„Wir haben gemerkt, wie schwer es den Jugendlichen anfangs gefallen ist, nun live vor den Mitschülerinnen und Mitschülern oder vor Fremden zu rappen. Aber genau diese Erfahrungen wollen wir ermöglichen: Du schaffst das, wenn du dich anstrengst und Leute an deiner Seite hast, die dich unterstützen!“, zeigt sich Respekt Coach Thorsten Blender sehr zufrieden mit dem Verlauf.

Am Ende steht ein beeindruckendes Ergebnis. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir es schaffen. Ich bin stolz, dass ich mitgemacht habe“, spricht Stella aus, was wohl alle Beteiligten denken. Das Musikvideo ist nicht nur eine schöne Erinnerung an das Projekt, sondern auch ein Mutmacher für die nächsten Schritte, die nun vor den jungen Menschen liegen. Oder wie Sergiusz es in seinem kraftvollen Rap ausdrückt: „Egal wie schwer der Weg auch war, wir wachsen hier mit jedem Tag!“.

Eindrücke vom Videodreh

Ein Beitrag von:JMD Osnabrück / Servicebüro Jugendmigrationsdienste; Fotos: Max EdelVeröffentlicht: 29.07.2021