Praxisbeispiele
Ein Zirkusprojekttag an der Adolph-Diesterweg-Schule Leipzig rückt Teamgeist und Selbstvertrauen in den Mittelpunkt
Zu Beginn des neuen Schuljahres hieß es für zwei 5. Klassen „Manege frei“. Je einen ganzen Projekttag lang konnten sich die Schülerinnen und Schüler des Adolph-Diesterweg-Förderzentrums in Leipzig in den Zirkusdisziplinen Balance, Jonglage und Akrobatik ausprobieren. Dabei wuchsen sie nicht nur über ihre eigenen Grenzen hinaus, sondern erlebten auch gegenseitige Unterstützung und ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Organisiert von Respekt Coachin Anja Friedrich kamen die Schülerinnen und Schüler am Morgen in der Turnhalle zusammen und lernten dort die drei Zirkustrainer kennen. Nach einer Begrüßungsrunde, bei der auch Regeln und Grenzen für den gegenseitigen Umgang erarbeitet wurden, ging es direkt los. Gemeinsam wurde ein Schwungtuch aufgespannt. Das Ziel bestand darin, einen Ball auf dem Tuch zu balancieren und schließlich in ein Loch in der Mitte zu lenken. Auf anfänglich lautstarke sowie unkoordinierte Anweisungen von allen Seiten folgten bald Konzentration, aufeinander Achtgeben und ruhigere Absprachen. Als der Ball endlich im Loch landete, brach lauter Jubel aus und alle freuten sich über das Ergebnis ihrer gemeinsamen Anstrengung.
Aufeinander bauen und gemeinsam hoch hinaus
So eingeschworen widmeten sich die beiden fünften Klassen dann in Kleingruppen den verschiedenen Zirkusdisziplinen, bei denen vor allem stets Teamwork und gegenseitige Unterstützung gefordert waren. In der Disziplin Akrobatik suchten sie sich eine Pyramidenkonstellation aus und bildeten so gemeinsam eine Formation, die durch Körperbeherrschung, Kraft und Kooperation in einer stabilen Figur mündete. Anschließend probierten alle Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Positionen der Menschenpyramide – Basis, Mitte, Spitze oder Stütze – aus. Dabei brachten sie ihre individuellen Stärken ein und waren gleichzeitig mit Herausforderungen wie Klettern, Höhe und Balance konfrontiert. Viele wuchsen dabei nicht nur räumlich über sich hinaus: „Ich wusste noch gar nicht, dass ich das kann!“, stellte ein Schüler fest. Durch den spielerischen Zugang konnten alle frei und ohne äußeren Leistungsdruck mit den eigenen Fähigkeiten und Grenzen experimentieren. Gegenseitiges Zuhören und Ermutigen sowie gute Kommunikation waren hier besonders wichtig, damit die Pyramide sicher auf- und abgebaut werden konnte.
Verlässlichkeit schaffen und Halt geben
Für die nächste Herausforderung auf dem Balancierbrett kamen die Jugendlichen paarweise zusammen. Während eine Person versuchte, das Gleichgewicht zu halten, wurde sie von der jeweils anderen Person gestützt. Neben klaren Absprachen ging es dabei auch um Vertrauen und das Beachten von eigenen und fremden Grenzen. Einige hatten zu Beginn Bedenken, auf das wackelige Sportgerät zu steigen. Durch die gegenseitige Unterstützung und die Erfahrung, dass auch andere ihre Ängste überwanden, wurden schließlich selbst die größten Zweifel überwunden und alle fassten genug Mut, um ihre eigenen Grenzen zu erweitern.
Mit Rhythmus, Konzentration und Kommunikation zu mehr Selbstwirksamkeit
In der dritten Disziplin stand das Jonglieren im Vordergrund. Die Gruppe erhielt ein Set sogenannter Flowersticks aus zwei Handstäben und einem Hauptstab. Aufgrund der geringen Verletzungsgefahr waren die Jugendlichen hier sehr frei und konnten sich intensiver ausprobieren als bei den vorangegangenen Akrobatik- und Balanceübungen. Nach einer kurzen Einweisung durch den Trainer ging es ans eigenständige Experimentieren. Als der Flowerstick im Zweierteam mit den Handstäben geworfen und gefangen werden sollte, waren erneut eine klare Kommunikation und gute Zusammenarbeit gefragt. Denn sowohl das Werfen als auch das Fangen war herausfordernd und zum Teil mit vielen Versuchen, aber auch mit einer Menge Spaß und Lachen verbunden. Die Gruppe musste mit Frustration sowie Fehlschlägen umgehen und kam nur durch konstantes Üben zum gewünschten Erfolg.
Ein Projekttag mit nachhaltigem Effekt
Am Ende gab es eine gemeinsame Reflexionsrunde, in der alle die Gelegenheit hatten zu sagen, worauf sie oder er an diesem Tag besonders stolz war. Dabei wurde deutlich, dass es Respekt Coachin Anja Friedrich mit ihrem Zirkusprojekt gelungen war, die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Denn diese konnten sich selbst in Aktivität erleben und dabei erkennen, dass sie stark und mutig genug sind, um Neues auszuprobieren. Eine Schülerin berichtete sichtlich beschwingt: „Ich bin da drauf gesprungen, obwohl ich Angst hatte!“ Auch das Gemeinschaftsgefühl der Klasse wurde gefördert und die Jugendlichen haben erlebt, dass sie gerade als Team viel erreichen können. Die beiden Schulklassen, in denen es zuvor häufiger zu verbaler und physischer Gewalt gekommen war, profitierten sehr von diesem außergewöhnlichen Projekttag und fragten die Zirkustrainer am Ende: „Könnt ihr bitte nochmal kommen?“
JMD Leipzig, Stadt und LK Leipzig (IB) / Servicebüro Jugendmigrationsdienste