Praxisbeispiele

Schulhofausstellung in Denzlingen

Gegen das Vergessen: Überlebensgroße Porträts erinnern an die Überlebenden der NS-Verfolgung

Drei Wochen lang prägen Fotografien von Holocaust-Überlebenden den Alltag der Realschule in Denzlingen. Mit Unterstützung einer Respekt Coachin des JMD Emmendingen und der Klassenlehrerin hat sich eine neunte Klasse intensiv mit den Biografien beschäftigt und gibt ihr Wissen nun an die Schulgemeinschaft weiter. Zur Eröffnung war auch der Fotograf Luigi Toscano zu Gast.

Große Porträts von Holocaust-Überlebenden sind auf einem Schulhof ausgestellt.
Drei Wochen lang sind die Porträts Teil des Schullebens.

Eine Gruppe Schülerinnen und Schüler ist wie jeden Montagmorgen auf dem Weg zum Unterricht an der Ruth-Cohn-Schule in Denzlingen. Dass heute etwas ganz anders ist als an allen anderen Montagen, erkennen die Jugendlichen bereits von Weitem. Mitten auf dem Schulhof ragen große mit Stoff bespannte Rahmen empor. Sie bilden einen Kontrast zur weitläufigen Fläche des Hofs und reihen sich gleichzeitig fast natürlich in den Anblick des modernen und holzverkleideten Neubaus der Realschule ein. Beim Näherkommen fesseln die Objekte sofort die Blicke der Schülerinnen und Schüler: Sie zeigen überlebensgroße Schwarz-Weiß-Porträts, jedes Haar und jede Furche ist in den Gesichtern der abgebildeten Menschen zu sehen. Ihre Augen lassen erahnen, dass sie vieles in ihren langen Leben gesehen haben.

Die ausgestellten Porträts sind Teil des multimedialen Erinnerungsprojekts „Gegen das Vergessen“ des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano. Über 600 Überlebende der Verfolgung der Nationalsozialisten hat der Mannheimer seit 2014 getroffen und porträtiert. Sein Ziel ist es, die Geschichten der letzten Zeitzeuginnen und -zeugen der nationalsozialistischen Verbrechen sichtbar zu machen und mithilfe dieser Erinnerungskultur zu zeigen, dass sich diese Taten nicht wiederholen dürfen. Seine Fotos sollen nicht in exklusiven Ausstellungsräumen stehen, sondern Teil des öffentlichen Raums sein. 

 

Schülerinnen und Schüler tauschen sich über die Fotos aus.

 

New York, Kiew, Denzlingen 

Seine Fotoinstallationen sind bereits an öffentlichen Orten auf der ganzen Welt ausgestellt worden, unter anderem in Kiew, New York City und Paris. Dass sie nun auf dem Gelände der Ruth-Cohn-Schule stehen und drei Wochen lang Teil des Alltags der Schulgemeinschaft sind, ist unter anderem Sibylle Gerz zu verdanken. Die Respekt Coachin des JMD Emmendingen hat die Ausstellung gemeinsam mit der Schule nach Denzlingen geholt und sie pädagogisch gerahmt: Die Klasse 9c hat sich in den Wochen vor der Ausstellung gemeinsam mit ihrer Klassenlehrerin Julia Slisko sowie Sibylle Gerz intensiv mit den Geschichten der gezeigten Menschen auseinandergesetzt. Entstanden sind dabei beispielsweise Kurzbiografien, die von den Jugendlichen per Audioaufnahmen eingesprochen wurden und über QR-Codes neben den Porträts abrufbar sind. Das Erlernte über die Überlebenden geben sie auf diese Weise mit einem flexibel nutzbaren Audioguide weiter. Außerdem sind sie in einzelnen Schulstunden in der Ausstellung vor Ort und stehen ihren Mitschülerinnen und -schülern als Peer Guides zur Verfügung. 

 

Ohne diese Vier wäre es nicht machbar gewesen (v.l.n.r.): Respekt Coachin Sibylle Gerz, Klassenlehrerin Julia Slisko, Künstler Luigi Toscano und 2. stellvertretende Schulleiterin Kerstin Koppa.

 

Bei der heutigen offiziellen Ausstellungseröffnung sprechen zwei Klassenmitglieder vor hunderten Mitschülerinnen und -schülern, Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Emmendingen, der Schulleitung und den Lehrkräften, dem Bürgermeister, Eltern sowie dem anwesenden Künstler. Die Schülerin Nazanin berichtet, dass während der Beschäftigung mit den Biografien in den letzten zwei Wochen in der Klasse manchmal eine traurige Stimmung geherrscht habe. Sie fügt hinzu: „Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Gegen das Vergessen. Damit niemand wieder ausgegrenzt wird.“ Vor und nach den Grußworten von Luigi Toscano, Schulleiterin Evelyn Heeg und Bürgermeister Fabian Nitz stehen die Schülerinnen und Schüler der 9c jeweils an den Porträts der Menschen, mit denen sie sich besonders beschäftigt haben. Sie erzählen ihre Geschichten und beantworten Fragen.

 

„Nicht nur ein Film": Geschichten werden greifbar 

Maria hat sich in den letzten Tagen ausführlich mit der Geschichte von Rena Finder auseinandergesetzt. Dass Finders Name auf der weltberühmten Liste des Unternehmers Oskar Schindler stand, bewahrte sie und ihre Mutter vor der Ermordung im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Maria kannte den Film „Schindlers Liste“ bereits und wusste, dass er auf einer wahren Begebenheit beruht. Das Projekt mit der Respekt Coachin und der Klassenlehrerin hat das Geschehene greifbarer gemacht: „Ich habe dadurch richtig gespürt, dass das eben nicht nur ein Film ist, sondern diese schlimmen Dinge wirklich passiert sind. Mir hat es gezeigt, dass wir uns auch heute noch damit beschäftigen müssen, damit Menschen nicht wieder so etwas Schlimmes tun.“ Einen positiven Nebeneffekt hatte das Projekt für Maria auch: Sie findet, dass sie meist eine ziemlich laute Klasse seien, „aber hier waren alle ganz konzentriert in die Geschichten der Menschen vertieft.“

 

Maria hat sich mit dem bewegten Leben Rena Finders beschäftigt. 

 

Luca und Paul stehen neben einem Bild einer Person, die zwar ihr Gesicht zeigt, ihren Namen aber nicht nennt. Luca berichtet, dass diese Person das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten überlebte und stellvertretend für die hunderttausenden kranken und behinderten Menschen steht, die im Dritten Reich ermordet wurden. Sein Mitschüler Paul hat bereits zuvor während der Eröffnungsrede von den Erfahrungen der Klasse berichtet und erzählt nun von Samuel Harris: Als Kind hat er zwei Konzentrationslager in Polen überleben können, indem er sich immer wieder versteckt hat. Nach seiner Befreiung ist er als Waise in den USA adoptiert worden, wo er später das Illinois Holocaust Museum mitgründete. Samuel Harris‘ Porträt ist nicht auf dem Schulhof ausgestellt, sondern in der Innenstadt von Denzlingen. Im Rahmen des Konzepts „Lebendige Ortsmitte“ werden hier ebenfalls drei Porträts gezeigt – so werden Schulgemeinschaft und Gemeinde verknüpft und die Bürgerinnen und Bürger auf die Schulhofausstellung aufmerksam gemacht.

 

Paul und Luca neben einem Überlebenden des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten.


Mittendrin in den Geschichten

Das für die meisten Deutschen vermutlich bekannteste Gesicht der ausgestellten Bilder ist das von Margot Friedländer, die für ihr Engagement gegen Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen vielfach ausgezeichnet wurde. Zwei Schülerinnen neben ihrem Bild berichten, dass sie sich durch die Projektarbeit der letzten zwei Wochen fühlten, als seien sie mittendrin gewesen in Friedländers Geschichte und denen der anderen Überlebenden. Die Schule hat die Ausstellung außerdem um ein weiteres Exponat erweitert: Ein quadratisches Porträt ihrer Namensgeberin und einflussreichen Psychoanalytikerin Ruth Cohn reiht sich zwischen die Fotos von Luigi Toscano. Die deutsche Jüdin floh als junge Frau in die Schweiz und wanderte später in die USA aus.

Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Klassen haben im Anschluss die Gelegenheit, dem Künstler in einem Pausenhof-Gespräch Fragen zu seiner Arbeit zu stellen. Da gibt es die leichten Fragen, die sich einfach beantworten lassen. Wie alt war die älteste Person, die Sie getroffen haben? 107 Jahre, aber letztens meldete sich sogar eine 112-Jährige bei Toscano. Wie lange dauert es, die Fotos zu machen? Das gehe ganz schnell und passiere fast beiläufig am Ende eines langen Gesprächs.

Doch dann sind da auch die schwierigeren Fragen. Wie Toscano mit all den schrecklichen Geschichten umgehe, möchte eine Schülerin wissen. „Es ist oft sehr schlimm, sie zu hören, ich bin aber nie weggerannt, obwohl ich das manchmal machen wollte“, berichtet der 54-Jährige. Als es ihm durch seine Arbeit sehr schlecht ging, habe er mit Freunden darüber gesprochen und sich Hilfe geholt. „Das kann ich euch auch nur empfehlen, euch Hilfe zu holen, wenn es euch im Leben mal richtig schlecht geht“, rät er den Jugendlichen.

 

Luigi Toscano beantwortet Fragen der Jugendlichen im Pausenhofgespräch.

 

Es fing mit Hass an

Ein Schüler fragt, wie Toscano auf die Idee kam, die Porträts so groß zu machen. Der Künstler erklärt, dass sie im öffentlichen Raum so am meisten Aufmerksamkeit erregten. Sein Ziel sei unter anderem, darauf hinzuweisen, dass diese Menschen zum Teil noch leben und sich heute große Sorgen machen, weil sich die Lage auf der Welt oftmals so anfühle wie damals kurz vor ihrer Verfolgung. Eine Aussage einer porträtierten Überlebenden sei ihm besonders im Kopf geblieben: „Es fing mit Hass an und endete im Holocaust.“ Kurz darauf erzählt Toscano von einem Wunsch, den viele Überlebende ihm mitgeteilt haben und den er mit den jungen Menschen teilen möchte: Dass man auf das Leben, die Freiheit und die Demokratie aufpassen solle.

Drei Wochen lang werden die großformatigen Gesichter nun das Schulleben an der Ruth-Cohn-Schule prägen und allen Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu ihren Geschichten bieten. Vor allem für die Jugendlichen der Klasse 9c ist das Projekt mithilfe der Respekt Coachin und ihrer Klassenlehrerin mehr als eine Unterrichtseinheit geworden. Sie haben Biografien kennengelernt, sie weitererzählt und dabei erfahren, dass Geschichte greifbar wird, wenn man Menschen in die Augen blickt.

 

Weitere Eindrücke

Ein Beitrag von:
Servicebüro Jugendmigrationsdienste
Veröffentlicht: 08.10.2026

Beitrag teilen / drucken: