Praxisbeispiele
Extremismus erkennen – wie lernt man das?
Auf extremistische Inhalte sind die Teilnehmenden des Workshops „Im Netz von Extremisten“ alle schon mal gestoßen. Manche Codes seien gar nicht so einfach zu erkennen, ebenso wie Fake News oder verzerrte Darstellungen. Gemeinsam mit dem Respekt Coach des JMD Radolfzell überlegten die Schülerinnen und Schüler des Berufsschulzentrums Stockach, wie man extremistische Ideologien erkennt und was man ihnen entgegensetzen kann.
„Was stellst du dir unter Extremismus vor?“, fragt Johannes Renner, Respekt Coach des Jugendmigrationsdienstes (JMD) Radolfzell, die Schülerinnen und Schüler des Berufsschulzentrums Stockach zu Beginn seines Workshops „Im Netz von Extremisten“. Die 15- bis 18-Jährigen haben teils schon sehr klare Definitionen im Kopf: Dass sich extremistische Vereinigungen zum Beispiel gegen Menschen und ihre Herkunft oder Weltanschauung richten und sie mit Gewalt bekämpfen. Doch ist Extremismus immer mit körperlicher Gewalt verbunden?
Ganz so einfach sei es nicht, erklärt Johannes Renner. Extremismus habe viele Gesichter und äußere sich auf den ersten Blick manchmal ganz subtil. Mit den Teilnehmenden spricht er darüber, dass es auch Formen von Extremismus gebe, die nicht gewaltsam seien und zunächst versuchen würden, mit demokratischen Mitteln Macht zu erlangen. Das können zum Beispiel Parteien sein, die das Ziel haben, selbst gewählt zu werden, langfristig jedoch freie Wahlen abschaffen. In einem solchen Fall spreche man von legalistischem Extremismus.
Damit ist die Gruppe bereits mittendrin im Thema und der Diskussion um die Fragen: Was ist Extremismus eigentlich genau? Welche Formen gibt es? Und wie erkennen wir extremistische Bestrebungen in unserer analogen und digitalen Umgebung? Eine Beobachtung haben bereits mehrere der Jugendlichen vor allem in sozialen Medien gemacht: Dort werde der Begriff häufig inflationär für alles genutzt, was der eigenen Meinung widerspricht. Mit gängigen politischen Definitionen habe das oft nichts zu tun, zeige aber, wie komplex und mitunter emotional das Themenfeld ist.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede identifizieren
Nach der ersten Begriffsannäherung wird es im Klassenraum spielerisch. Zwei Freiwillige setzen sich mit dem Rücken zur Leinwand, während der Rest der Gruppe Folie für Folie verschiedene Merkmale angezeigt bekommen. Wenn ein Merkmal auf eine Person zutrifft, steht sie auf. Die Freiwilligen sehen die Folien nicht und müssen erraten, welche Eigenschaft die Stehenden verbindet. Am Anfang sind es äußerliche Attribute, dann wird es persönlicher: „Alle, die ein Haustier haben“, heißt es zum Beispiel. Danach folgen Fähigkeiten wie erlernte Sprachen oder beherrschte Instrumente, auf die die Jugendlichen sichtlich stolz sind. Die letzte Folie bringt schließlich alle auf die Beine: „Alle, die ein Mensch sind.“
Im anschließenden Stuhlkreis fragt Renner, was der Zweck des Spiels gewesen sein könnte. Gemeinsam arbeitet die Gruppe heraus, dass Menschen unabhängig von Gruppenmerkmalen wie Hautfarbe oder Nationalität viele Gemeinsamkeiten und ebenso viele individuelle Unterschiede haben. Die Schülerinnen und Schüler diskutieren weiter, was ihnen wichtig ist, wenn sie neue Freundschaften schließen. Vertrauen, gemeinsame Interessen, Hobbys und Loyalität sind vielgenannte Antworten. „Und ist das abhängig von Nationalität, Glauben oder Hautfarbe?“ Die Antwort der Teilnehmenden ist einhellig: nein.
Feindbilder, die aus Gruppenmerkmalen entstehen
Anschließend beschäftigen sich die Jugendlichen mit dem Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Johannes Renner erklärt, wie extremistische Gruppen je nach ihrer Ideologie Feind- und Freundbilder anhand von Gruppenmerkmalen konstruieren, und stellt auch den historischen Bezug zum Nationalsozialismus her. In Dreiergruppen sollen die Schülerinnen und Schüler mindestens fünf Gemeinsamkeiten finden, die nicht klassisch gruppenbezogen sind. Auch hier wird klar: Trotz unserer unterschiedlichen Religionen, der kulturellen Hintergründe unserer Familien oder unserer Geschlechtszugehörigkeiten verbinden uns viele Gemeinsamkeiten.
Danach beleuchtet der Respekt Coach verschiedene Ideologien, darunter den religiösen Extremismus am Beispiel des sogenannten IS. Wichtig ist ihm dabei ein Punkt, der die Anwesenden teilweise überrascht: Auch innerhalb einer extremistischen Ideologie gebe es unterschiedliche Ausrichtungen – so verfolge der IS selbst teils auch Musliminnen und Muslime. Religion an sich, erklärt Renner, sei etwas, das Menschen inspirieren und Brücken bauen könne, da es hinsichtlich von Werten wie Hilfsbereitschaft und Respekt viele Gemeinsamkeiten gebe. Problematisch werde es, wenn einzelne Teile aus dem historischen Zusammenhang gerissen und ausgrenzend interpretiert werden.
Online-Propaganda erkennen
Ein weiterer Schwerpunkt des Tages ist Online-Propaganda. Die Teilnehmenden überlegen, wie sie Fake News erkennen können. Dabei betrachten sie journalistische Qualitätskriterien: Wenn die Darstellung einseitig oder übertrieben emotional wirke oder das verwendete Bild überhaupt nicht zum Thema passe, könnten das Hinweise auf eine Falschnachricht sein. Auch über künstliche Intelligenz sprechen die Schülerinnen und Schüler, denn sie mache es ihnen zunehmend schwerer, Fälschungen zu erkennen.
Fake News seien jedoch nur ein Teil des Phänomens. Mindestens genauso gefährlich seien echte Nachrichten, die mithilfe bestimmter Rhetorik, Musik und Übertreibungen gezielt emotionalisiert und verzerrt werden. Anhand von Screenshots aus dem extremistischen Spektrum wird das greifbar. Ein rechtsextremistischer Kanal, der ausschließlich über gewalttätige Musliminnen, Muslime oder Geflüchtete berichtet, verbreite nicht zwangsläufig erfundene Nachrichten, verzerre aber gezielt die Realität, in der Gewalt auch von anderen Personengruppen ausgeht. Die Gruppe diskutiert weitere konkrete Beispiele und fragt sich: Aus welchem Spektrum kommt dieser Post? Werden Sachverhalte emotionalisiert und vereinfacht? Was soll er bei den Betrachtenden bewirken?
Warum werden Menschen radikal?
Gemeinsam mit den Jugendlichen wirft der Respekt Coach einen Blick auf die persönliche Ebene von extremistischen Personen. Die Teilnehmenden fragen sich, wer eigentlich radikal wird und warum. Sie sind sich sicher, dass Radikalität nicht angeboren werde. Johannes Renner bringt sogenannte Push- und Pull-Faktoren ins Spiel: Durch bestimmte Umstände, wie Krisen, Unsicherheit oder das Gefühl fehlender Orientierung würden manche Menschen zum Beispiel von der Demokratie weggedrückt und von extremistischen Ideologien angezogen. Auf individueller Ebene zeigten sich in Biografien oft ähnliche Muster: schwierige Kindheiten, Gewalt in der Familie, Ausgrenzung in der Schule. Aus solchen negativen Erfahrungen heraus suchten viele einen sozialen Kreis, der sie auffängt. Extremistische Kreise böten den Menschen häufig kurzfristig Anerkennung, Sinn, Orientierung und Gemeinschaft.
Wie kann man dieser Anziehungskraft etwas entgegensetzen, fragt sich die Gruppe. Sie sammelt daraufhin mögliche Ansätze, die individuelle Resilienz stärken können: Über Gefühle sprechen, sich bei Problemen Hilfe holen – etwa bei der Schulsozialarbeit oder im Freundeskreis – oder auch eine Leidenschaft finden, die sozialen Anschluss ermöglicht. Für den Umgang mit sozialen Medien gibt Johannes Renner einen konkreten Tipp mit: Wer das Gefühl hat, in einer einseitigen Bubble zu stecken, solle ganz bewusst nach anderen Perspektiven suchen, sowohl auf Social Media als auch im Gespräch mit Menschen anderer Meinung.
Den Workshop beendet der Respekt Coach mit dem Angebot, Nachfragen zu stellen und Feedback zu geben. Für die Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs war es ein Tag, an dem aus einem abstrakten Begriff ein greifbares Thema wurde und an dem sichtbar wurde, wie viel mehr sie verbindet, als sie trennt.
Servicebüro Jugendmigrationsdienste / Foto: JMD Radolfzell