Praxisbeispiele

Workshop „Demokratie und Gesellschaft“

„Demokratie, was bringt mir das?“ – In Osnabrück werden demokratische Prinzipien erlebbar

Beim Workshop „Demokratie und Gesellschaft“ der Respekt Coaches des JMD Osnabrück wurde Demokratie nicht nur erklärt, sondern erfahrbar gemacht. Intensive Diskussionen, ein Survival-Spiel und ein Blick ins Grundgesetz zeigten den Schülerinnen und Schülern, was Mitgestaltung und Kompromissfindung bedeuten. Die abstrakte Idee von Demokratie hatte für die Jugendlichen letztlich mehr mit dem eigenen Leben zu tun als zuvor gedacht.

Der Respekt Coach zeigt der Klasse ein Bild mit Symbolen unterschiedlicher Religionen. Das Bild zeigt, dass die Religionsfreiheit durch das Grundgesetz geschützt ist.
Respekt Coach Marcel Seifert und Studentin Smilla Dahmer sprechen mit der siebten Klasse über Artikel im Grundgesetz.

Die Stimmung in der siebten Klasse der Oberschule am Sonnenhügel in Osnabrück ist am Vormittag des 9. Juni 2026 ausgelassen. Die Schulferien sind nur noch wenige Wochen entfernt und die wichtigsten Klassenarbeiten bereits geschrieben. Ein guter Zeitpunkt, um in Ruhe das Augenmerk auf ein Thema zu richten, das im Alltag neben all dem Unterrichtsstoff eher wenig Raum einnimmt: Demokratie und Gesellschaft. Genau das dachten sich die Respekt Coaches des Jugendmigrationsdienstes (JMD) Osnabrück, Thorsten Blender und Marcel Seifert. Mit Unterstützung der Praxisstudentin Smilla Dahmer ergründen sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die Leitfrage „Demokratie, was bringt mir das?“.

Für die Respekt Coaches ist klar, dass sie keinen Frontalvortrag über politische Konstrukte halten, sondern gelebte Demokratie im Klassenzimmer erfahrbar machen wollen. Intensive Diskussionen und spielerische Methoden dienen daher der Reflexion über die Fragen: Was prägt unsere Demokratie? Was ermöglicht sie uns und wie kann ich selbst mitwirken?

 

Freiheit heißt, so zu leben, wie man möchte

Nach einem Auflockerungsspiel sammeln die Teilnehmenden zunächst ihre Ideen und ihr Wissen zum Thema. Die meisten kennen bereits ein wichtiges Grundprinzip: In einer Demokratie gibt es keine alleinherrschende Person, sondern die Menschen im Land wählen ihre Vertreterinnen und Vertreter. In Deutschland sind den jungen Menschen vor allem Friedrich Merz und – als gebürtiger Osnabrücker ganz besonders – Olaf Scholz bekannt. Anhand von Bildkarten, die z. B. den Bundestag oder eine Demonstration zeigen, vertiefen die Respekt Coaches anschließend das Gespräch über Wissen, Interessen und unterschiedliche Lebensrealitäten. Letzteres zeigt sich am Thema Bundeswehr: Als Thorsten Blender und Marcel Seifert jung waren, stand die Wehrpflicht kurz vor der Aussetzung. Heute ist die Weltlage eine andere und die Siebtklässlerinnen und -klässler wissen das. Fragen rund um einen möglichen neuen Wehrdienst beschäftigen sie ganz unmittelbar.

Ein Foto einer Person, die ihre Arme im Sonnenuntergang ausstreckt, mit der Überschrift „FREIHEIT“ erregt sofort die Aufmerksamkeit einer Schülerin. „Ich bin in Deutschland frei und darf so leben, wie ich möchte“, stellt sie fest. Dazu gehöre zum Beispiel, dass sie ihre Meinung äußern und ihre Religion ausleben dürfe.
 

Bilder helfen, die Facetten von Demokratien besser zu verstehen.

 

Einander zuhören und Kompromisse finden

Wie demokratische Entscheidungsprozesse in der Praxis funktionieren, erleben die Teilnehmenden im sogenannten Inselspiel. Das Szenario: Die Jugendlichen müssen entscheiden, welche fünf Gegenstände unbedingt auf ein Rettungsboot gehören, das auf eine einsame Insel zusteuert. Die Antwort darauf erarbeiten sie nicht allein, sondern in einem schrittweise wachsenden Konsensprozess. Zunächst einigen sich je zwei Personen auf eine gemeinsame Auswahl. Anschließend tun sich zwei Zweiergruppen zusammen und destillieren aus ihren zehn Vorschlägen erneut die fünf wichtigsten; und so weiter, bis schließlich die gesamte Klasse hinter einer finalen Liste steht.

Was das mit Demokratie zu tun hat? „Man muss abstimmen und sich zusammen entscheiden, was man will", sagt eine Schülerin. „Es geht in einer Demokratie darum, einander zuzuhören. Man muss seine eigene Meinung erklären und dann Kompromisse finden“, erklärt ein anderer Schüler.

Die beiden Respekt Coaches beobachten die Szenerie aufmerksam. Beteiligen sich alle an den Entscheidungsprozessen? Wird jemand übersehen? Ignoriert jemand die Meinungen der anderen? Am Ende des Spiels geben sie den jungen Menschen Tipps für reale demokratische Aushandlungsprozesse. Wer mit der Klasse auf einer einsamen Insel strandet, ist im Übrigen nicht schlecht aufgestellt: Die Gruppe einigt sich auf Feuerstein, Zelt, Leuchtrakete, Medizinkasten und Axt.

 

Demokratie ist nicht selbstverständlich

Im Anschluss richtet die Gruppe ihren Fokus auf das Grundgesetz, das demokratische Prinzipien in Deutschland verankert. Bilder auf dem Boden symbolisieren die ersten Artikel des Grundgesetzes und regen zum Gespräch über Freiheit und Vielfalt in der Bevölkerung an. Viele Teilnehmende berichten, dass sie familiäre Verbindungen in Länder haben, in denen es die wesentlichen Gesetze und Rechte des Grundgesetzes nicht gibt. Gerade diese Schülerinnen und Schüler hätten laut Thorsten Blender ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass Rechte und Freiheiten nicht selbstverständlich seien. Ihm und seinem Kollegen sei dabei wichtig, Deutschland nicht als demokratisches Wunderland darzustellen. Mit der Klasse stellen sie unter anderem fest, dass jüdische und muslimische Menschen trotz gesetzlich verankerter Religionsfreiheit Diskriminierung erleben.

Thorsten Blender wählt ernste Worte, wenn er beschreibt, was er in solchen Workshops immer wieder beobachtet: „Am bisherigen Verständnis von Vielfalt, Freiheit und Toleranz wird gerüttelt und das ist auch bei jungen Menschen mit Sorgen verbunden.“ Gruppenangebote wie das heutige erzeugen aber auch einen Aha-Effekt. „Die Schülerinnen und Schüler stellen fest, dass sie in einer Demokratie viele Möglichkeiten haben und bisher wenig darüber nachgedacht haben. Daraus ergibt sich in der Gruppe die Folgerung, dass die Demokratie schützenswert ist“, erläutert der langjährige Respekt Coach.

 

Die Klasse betrachtet unterschiedliche Aspekte des Grundgesetzes.


Die eigene Stimme zählt

Am Ende des Workshops richten die Teilnehmenden ihren Blick auf den eigenen Umkreis: Wo kann ich selbst mitmachen und mich an demokratischen Entscheidungen beteiligen? Und sie haben einige Ideen. Klassensprecherin werden zum Beispiel. Im Schülerparlament mitdiskutieren. In einer Jugendorganisation aktiv werden oder ab einem bestimmten Alter die eigene Stimme in den sozialen Medien nutzen, um auf etwas aufmerksam zu machen, das einem wichtig ist. Demokratie, das zeigt der Workshop, fängt nicht an der Wahlurne im Rathaus an. Sie fängt hier an: im eigenen Klassenraum, an einem Dienstag im Juni, mit einer Klasse, die versteht, dass ihre Stimme zählt.

 

Ein Beitrag von:
Servicebüro Jugendmigrationsdienste / Fotos: JMD Osnabrück
Veröffentlicht: 22.07.2026

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